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Bach Album (Deutsch)

Die Faszination an der Musik von Johann Sebastian Bach beginnt in meiner Kindheit, da in meiner Erinnerung die ersten Erfahrungen auf dem Klavier mit seiner Musik verbunden sind. Zuerst waren es die Menuetts aus dem „Notenbüchlein für Anna Magdalena Bach“, die mich durch die Verbindung von elegantem Tanz und schönen Melodien begeistert haben, aber dann schon bei den „Inventionen“, später bei den Werken aus dem „Wohltemperierten Klavier“ sowie bei den Französischen Suiten war ich von der einmaligen Aura seiner Musik überwältigt. Es war dieses besondere Gefühl, was ich bis heute verspüre: als würde mich die Musik auf eine Art näher zu den Antworten über unsere Welt bringen, als würde ich bei ihrer Entstehung dabei sein. Für mich hat Bach ein Universum kreiert, das dem Beispiel einer idealen Welt entspricht. Es heißt nicht, dass es in dieser Welt nur gute Dinge gibt. Umso „realistischer“ empfinde ich sie, da es dort auch Gefühle wie Leid, Trauer und Schmerz gibt. Aber diese Gefühle können durch die Hoffnung und den unerschütterlichen Glauben an Gott und für mich auch an den Menschen aufgelöst werden. Bachs Musik nehme ich als unglaublich ehrlich und rein wahr, gleichzeitig sehr menschennah, und obwohl sie die höchsten moralischen Ideale anstrebt, bleibt sie immer sehr verständnisvoll zu den menschlichen Gefühlen, zur menschlichen Natur mit ihren Stärken und Schwächen. Besonders empfinde ich das bei den fantastischen Humorausbrüchen, die in Werken wie im „Echo“ der „Französischen Ouvertüre“ zum Vorschein kommen – es ist überliefert, dass Bach einen unglaublich stark ausgeprägten Sinn für Humor gehabt haben muss!

Die drei Bach Werke, die ich auf dieser CD eingespielt habe – die zweite Englische Suite in a-Moll BWV 807, die D-Dur Toccata BWV 912 und die Französische Ouvertüre BWV 831 – gehören zu unterschiedlichen Perioden seines Schaffens, denen ich ebenfalls in unterschiedlichen Lebensabschnitten näher gekommen bin. Die Toccata war das erste größere Stück von Bach, was ich als Jugendliche gespielt habe. Die Vielseitigkeit des Werks, in dem so charakterlich unterschiedliche Episoden – die virtuose Einleitung, die ausdrucksstarke Arie, Rezitative eine unglaublich tiefe Fuge und die fröhliche, energievolle Gigue – natürlich ineinander fließen, ist für mich bis jetzt eines der Lieblingsstücke dieses Genres.

Vom ersten Hörerlebnis der zweiten Englischen Suite war ich so fasziniert, dass ich sie unbedingt spielen können wollte. Später bin ich in meinen Rezital-Programmen immer wieder zu diesem Werk zurückgekehrt und habe jedes Mal neue musikalischen Entdeckungen gemacht. Die Suite ist wie eine Wundertüte – wenn man sie aufmacht, findet man immer etwas Neues, noch nicht Erlebtes!

Die Ouvertüre nach Französischer Art habe ich relativ spät kennengelernt und sie ist sofort zu meinem absoluten Herzensstück geworden. Die ausgewogene Ouvertüre besteht aus einem monumentalen, stolzen Teil und dem eleganten kontrapunktierten Tanz. Das Werk zeichnet sich auch durch Angaben von „Forte“ und „Piano“ Manualen aus, was in Bachs Werken sehr selten vorkommt. Die nachfolgende Tänze sind charakterlich sehr unterschiedlich – die geheimnisvolle Courante, zwei elegante Gavottes und sprunghafte Passepieds, die klagende Sarabande, energievolle Bourrée I und mysteriöse Bourrée II, die dynamische Gigue und das humorvolle Echo sind als großer Gegensatz nebeneinander gestellt. Sie stellen aus meiner Sicht ein ganzes Spektrum an menschlichen Gefühlen dar. Ich kann es nicht anders sagen, als dass ich jeden Ton an diesem Werk liebe.

Die Musik von Bach hat mein musikalisches Leben von Anfang an begleitet, und irgendwann habe ich das starke Bedürfnis verspürt, mein heutiges Empfinden seiner Musik auf einer Aufnahme festzuhalten. Die Auswahl der Werke habe ich so getroffen, dass ich dieses Empfinden am klarsten zum Ausdruck bringen kann. Die Frage, ob ich Bach auf einem modernen Flügel spielen soll, war für mich sofort beantwortet, da ich der Meinung bin, dass die Aussage in seiner Musik, obwohl sie schon fast vor 300 Jahren entstanden ist, genau so aktuell und existenziell in unserer Zeit ist. Diese Aussage ist für mich das Anstreben nach Menschsein im idealen Sinne des Wortes. Deswegen möchte ich sie mit heutigen Mitteln auf dem modernen Instrument weitergeben, selbstverständlich im Wissen über die stilistischen Besonderheiten und mit dem Respekt dem Notentext gegenüber, was die einzige wahre Quelle von Bachs Willen ist.

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